Zum anderen steht das Gemälde in engstem Zusammenhang mit einer Federzeichnung des Dresdener Kupferstich-Kabinetts, die offen-sichtlich als Vorlage für das Gemälde gedient hat. In einer gemeinsam von der Gemäldegalerie Alte Meister und dem Kupferstich-Kabinett organisierte Kabinettausstellung werden das kürzlich restaurierte Gemälde und die Zeichnung erstmals gegenübergestellt. Der Schritt von der frischen und furiosen zeichnerischen Momentaufnahme zum formal disziplinierten, im Stil der 1630er Jahre durchge-arbeiteten Historienbild ist hier in für Rembrandts Werk nahezu einmaliger Weise nachzuvollziehen.
In den antiken Dichtungen des Homer („Ilias“), des Vergil („Aeneis“) und des Ovid („Metamorphosen“) wird berichtet von der Schönheit des Ganymed, war diese doch der Grund für die entbrannte Liebe des Göttervaters, für des Jünglings friedvolle Entführung in den Olymp und für seine Entrückung zu den Unsterblichen. Michelangelo, Cellini, Correggio und Rubens haben der viel gepriesenen Schönheit des Jünglings in ihren Zeichnungen, Skulpturen oder Gemälden anschaulich Ausdruck verliehen. Ga-nymeds Schönheit war Garant für das Verstehen des Mythos wie für die Bedeutungsfülle der Kunstwerke selbst.
Und dann kam Rembrandt: Gegen die Regeln der Kunst stellte er in seiner Vorzeichnung und im Ge-mälde einen schreienden, vor Angst pinkelnden, hässlich erscheinenden Knaben dar. Mythos und Wirklichkeit, ikonographische Bedeutung und Ausdrucksdimension des Bildes brechen auseinander. Bis auf den heutigen Tag ist Rembrandts Gemälde ein Rätsel. Eine Vielzahl von Interpretationen eroti-scher, christlicher oder politischer Prägung sind an dem Gemälde bislang abgeprallt. Zum Ende des Rembrandt-Jahres soll in konzentrierter Form der Kraft der Zeichenkunst und der Genialität der Male-rei Rembrandts noch einmal exemplarisch nachgespürt werden. Nicht das Rätsel zu lösen, aber die Rätselhaftigkeit der Werke Rembrandts den Besuchern als eine Besonderheit der ästhetischen Erfah-rung zu vermitteln, ist das Anliegen der Ausstellung.
Die beiden Hauptwerke Rembrandts werden in der Ausstellung ergänzt durch einige ausgesuchte Graphiken und Zeichnungen des Künstlers sowie durch eine repräsentative Gruppe graphischer Blät-ter des 16. und 17. Jahrhunderts, die sich mit dem antiken Ganymed-Mythos auseinandersetzen. Neben inhaltlichen und formalen Fragen steht auch die aufwändige Restaurierung des Gemäldes im Jahr 2003 durch Gerthilde Sacher, ehemalige Restauratorin der Restaurierungswerkstatt der Gemäl-degalerie, im Mittelpunkt dieser Ausstellung. Durch die Restaurierung konnten lange verborgene Bereiche der Malerei wieder sichtbar gemacht werden, die das Verhältnis von Vorzeichnung und Ge-mälde neu bestimmen helfen. Dies wird ebenso wie die begleitenden naturwissenschaftlichen Unter-suchungen durch das Doerner - Institut in München in einer umfassenden Dokumentation nachvoll-ziehbar sein.
Diese Kabinettausstellung in der Reihe „Das restaurierte Meisterwerk“ wird unterstützt Dank der großzügigen Hilfe der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Freistaat Sachsen gemeinsam mit der Ostsächsischen Sparkasse Dresden und der Ernst von Siemens Kunststiftung.
http://www.skd-dresden.de/

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