Denkmalpflege wird zum Konjunkturmotor für Bau- und Immobilienwirtschaft

Historische Bauten wirken sich positiv auf das Image von Kommunen gegenüber Investoren, gut qualifizierten "Young Professionals" und zahlungskräftigen Kulturtouristen aus. Jeder öffentlich aufgewendete Euro zu ihrer Restaurierung stimuliert zudem die private Initiative.
80 Jahre lang diente der klassizistische Spreespeicher in Berlin der Getreidelagerung, bevor er in den 1990er Jahren ausrangiert werden sollte. Eine Immobilienfirma nahm sich seiner an, sanierte ihn und hat mit dem weltgrößten Musikproduzenten Universal Music einen berühmten Mieter gefunden.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass Denkmale auch wirtschaftlich nicht zum alten Eisen gehören müssen, ist der Leuchtturm Roter Sand vor Bremerhaven. Seit 1883 warnte das maritime Bauwerk Schiffe vor den Gefahren in schwieriger See. Gut hundert Jahre später geriet er selbst in “Seenot“: Er sollte abgerissen werden. Doch ein Traditionsverein gründete sich, um ihn zu retten, auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) nahm sich seiner an. Heute ist er “Kultziel“ für Nordseetouristen, und selbst auf einer Briefmarke findet sich das markante Denkmal mittlerweile wieder.

15 Milliarden Euro werden bauwirksam investiert
und sichern 310.000 Arbeitsplätze

Die baulichen Zeitzeugen entwickeln zunehmend eine eigenständige Marktdynamik. Sie werden zum „Motor für die Wirtschaft“, wie Dr. Holger Rescher aus der Geschäftsführung des DSD prophezeit. Mit Blick auf die Europäische Messe für Restaurierung, Denkmalpflege und Stadterneuerung denkmal 2006 (25. bis 28. Oktober) in Leipzig, die diesen Trend thematisiert, versichert er: “Die Städtebauförderung löst das 1,4fache an weiteren öffentlichen Infrastrukturmitteln und das 6,3fache an privaten Investitionen aus.“ Die bauwirksamen Investitionen im geschützten Bestand beliefen sich damit auf 15 Milliarden Euro jährlich. “Damit sichert die Städtebauförderung rund 310.000 Arbeitsplätze“, betont der Experte.

Eine Expertise des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) konstatiert ähnliche Effekte. Ihre Analysen im Auftrag des Bundesbauministeriums ergaben: Jeder Euro, mit dem Bund und Länder städtebauliche Maßnahmen fördern, animiert zunächst die Kommunen, zwei weitere Euro draufzulegen und damit anschließend auch private Anleger, Bauherrn und Gebäudenutzer, sich selbst mit annähernd sechs Euro zu engagieren.
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Untersucht wurde dies anhand von 47 westdeutschen Sanierungsprojekten. Auch Steuer-erleichterungen für Besitzer und Nutzer geschützter Bausubstanz stimulieren offenkundig den Markt. Professor Dr. Jens Goebel, Kultusminister in Thüringen und Präsident des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, hat errechnen lassen: Jeder Euro, den der Staat weniger an Steuer einnimmt, “löst rund 15 Euro an Folgeinvestitionen aus“. Konkret hätten 54 Millionen Euro, auf die der Bund damit im Jahr 2004 verzichtet hat, zu Investitionen von 818 Millionen Euro geführt. Laut Goebel würden damit private Investitionen zu Gunsten der Denkmallandschaft induziert, die ohne eine steuerliche Förderung so nicht möglich wären.

Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz hat zudem eine Studie zur “Wirtschaftskraft Denkmalpflege“ erarbeiten lassen. Anhand dieser seien nun “erstmals eindeutig und nachprüfbar die positiven Impulse für die Wirtschafts- und Strukturpolitik“ ablesbar, die von der Sanierung und Nutzung des historischen Bauerbes ausgingen, so Professor Goebel. Deshalb plädiert er dafür, an den Steuererleichterungen bei Investitionen in denkmalgeschützte Bauten festzuhalten. Denn an dem durch die Denkmalpflege ausgelösten Auftragsvolumen hingen „viele qualifizierte Arbeitsplätze sowie ein Know-how, das wir unbedingt erhalten müssen und das, wenn es erst einmal verloren gegangen ist, nicht ohne Weiteres wieder reaktiviert werden könnte“. Goebel sieht in der Denkmalpflege sowohl für die Baubranche als auch für die Immobilienwirtschaft einen “soliden Markt von zunehmender Bedeutung“. Etwa zeitgleich mit der denkmal 2006 wird das von ihm geleitete Denkmalschutzkomitee erste Ergebnisse einer neuen Datenbank vorstellen, die auf der Studie “Wirtschaftskraft Denkmalpflege“ beruhen.

"Denkmale sind weiche Standortfaktoren"

In die wirtschaftlichen Effekte der Denkmalnutzung noch nicht eingeschlossen sind indirekte Nachfolgeerträge. “Baudenkmäler in einem guten Zustand sowie ein gepflegtes historisches Stadtbild stimulieren zum Beispiel wesentlich den Kulturtourismus“, betont Holger Rescher, dessen Stiftung auch auf der Leipziger denkmal präsent sein wird. Da der Tourismus zu einem Zwölftel zum Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik beitrage, gehöre er heute “zu den Schwergewichten der Volkswirtschaft“. Nach statistischen Bundesangaben hängen vom Fremdenverkehr rund 2,8 Millionen Arbeitsplätze ab. Und der Kulturtourist, den es nachweislich verstärkt in denkmal-geschützte Städte zieht, gibt mit 980 Euro pro Reise und Person erheblich mehr aus als andere Erholungssuchende.

Ansehnlich restaurierte Denkmale gelten zudem als “weiche Standortfaktoren“, versichert der Experte der Denkmal-Stiftung. Die Pflege historischer Wahrzeichen, die das Gesicht der Städte prägen, erhöhen „die Standortqualität durch eine intakte Umwelt“, weiß er aus seiner täglichen Arbeit mit Kommunalbehörden und Investoren. So gelte der Denkmal- und Altbaubestand zunehmend als “wichtiger Imagewert für Standortentscheidungen der Wirtschaft im internationalen Wettbewerb und in der Konkurrenz der Städte“, so Rescher. Gerade junge, gut ausgebildete Leute, die die Gründung einer Familie planen, empfänden den Bezug zu vertrauten historischen Gebäuden als wichtigen “Bleibefaktor“. Wirtschaftsunternehmen seien geradezu gezwungen, Neuansiedlungen in Städten mit hoher Lebensqualität vorzunehmen, um im Werben um hoch qualifizierte Absolventen Vorteile zu haben. Holger Rescher bedauert, dass sich Denkmalpfleger oft scheuen, “Denkmalschutz in der Öffentlichkeit selbstbewusst als Konjunkturmotor darzustellen“. Denn eine wesentliche Folge dieser positiven Standortentscheidungen für charismatisch und historisch unverwechselbar wirkende Städte bestehe auch in “hohen wirtschaftlichen und beschäftigungswirksamen Effekten“. Nach Untersuchungen des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner bei Berlin wird mehr als die Hälfte aller hierbei anfallenden Bauleistungen nachweislich durch ortsansässige oder zumindest regionale Firmen erbracht. Zu drei Viertel seien dies kleinere Betriebe mit zehn bis 49 Beschäftigten.

Mehr Raum für Kreativität am Arbeitsplatz

Unterstrichen wird die wachsende Nachfrage und Beliebtheit nach denkmalgeschützten Gewerbeimmobilien durch zwei weitere Studien. Eine entstand in Kooperation der Jones Lang Lasalle GmbH mit dem Denkmalamt Hamburg, die andere in Berlin. Beide fußen auf Befragungen von Eigentümern und Nutzern gewerblich genutzter Baudenkmale, die innerhalb der letzten 15 Jahre saniert wurden. Hierbei zeigte sich, dass sich Unternehmen ganz bewusst für ein Denkmal als Firmensitz entscheiden. Dieses entspricht zwar oft nicht den DIN-Normen und bietet zudem keine Grundrisse, der den Mitarbeiterhierarchien entspricht, dennoch eröffnet es den Beschäftigten mehr Raum, der sich auch in Kreativität am Arbeitsplatz niederschlägt. Laut der Befragungen stehen Mitarbeiter in denkmal-geschützten Gebäuden durchschnittlich 37,2 Quadratmeter Arbeitsfläche zur Verfügung, und damit deutlich mehr als in üblichen Neu- und Bestandsbauten. Als weiteres Plus wird empfunden, dass die mittleren Nebenkosten für Büro- und Praxisflächen in diesen Gebäuden unter dem durchschnittlichen Wert für alle Büroflächen in Deutschland liegen. In den untersuchten Denkmalen beträgt er im Schnitt 1,96 Euro pro Quadratmeter und Monat – im Gegensatz zum Durchschnitt von 2,70 Euro. Die Studien ergaben überdies, dass sich die Beschäftigten in Denkmalen wohl fühlen. 47,5 Prozent von ihnen beantworteten die Frage, ob das Arbeiten hier angenehmer sei als in einem Standard-gebäude, mit Ja, nur 25,1 Prozent dagegen mit Nein. Ein Viertel der Befragten ist sogar der Ansicht, dass sich die Arbeits­atmosphäre in ihrem Unternehmen durch den Umzug in ein denkmalgeschütztes Gebäude verbessert hat. Nicht zuletzt lässt sich die Attraktivität einer Investition in ein Denkmal auch dadurch belegen, dass 91 Prozent der Befragten auf die Frage, ob sie wieder in ein Denkmal investieren würden, mit Ja antworteten.

Investitionen in den Denkmalsschutz ziehen zunehmend das Wohlwollen der Einwohner auf sich. “Denkmalpflege hat sich heute zu einer Bürgerbewegung entwickelt, die aus dem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Über vier Millionen Teilnehmer zu den Tagen des offenen Denkmals können als Abstimmung mit den Füßen verstanden werden“, ist Rescher überzeugt. Auch die Bundesregierung bekennt sich längst zu dieser Tendenz. Ein sichtbares Zeichen dafür war neben dem Städtebauprogramm für Ostdeutschland die Umlenkung der Gelder zur Förderung von Eigenheimen auf der grünen Wiese in Bauvorhaben im Bestand.

denkmal 2006

Die denkmal, Europäische Messe für Restaurierung, Denkmalpflege und Stadterneuerung, findet vom 25. bis 28. Oktober 2006 in Leipzig statt. Partnerland der diesjährigen denkmal ist Frankreich. Zur letzten denkmal 2004 kamen 14.952 Besucher aus 46 Ländern nach Leipzig, um sich über die Offerten der 415 Aussteller zu informieren. Begleitet wird die denkmal erneut von der Fachmesse für Lehmbau.


Juni 2006

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