Botticelli-Zeichnung entdeckt

Neuzuschreibungen im Bestand des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zählt zu den weltweit bedeutendsten Sammlungen für Zeichnungen, druckgraphische Werke und Photographien. Wie jetzt dank sicherer Forschungsergebnisse gesagt werden kann, ist es um ein herausragendes Werk reicher: Eine der wenigen Zeichnungen Sandro Botticellis (1445 - 1510).
Die bisher als anonym geführte Zeichnung „Kopf eines Knaben“, ein Werk von höchster Qualität, datiert um 1478-1480, gehört seit dem 18. Jahrhundert zum Bestand des Kupferstich-Kabinetts. Es konnte erst jetzt der Hand Sandro Botticellis zugeschrieben werden. Aber auch weitere wichtige Neuzuschreibungen verdanken sich eines mehrjährigen Forschungsprojekts, dessen Ergebnisse jüngst in Florenz vorgestellt wurden.

Das Kupferstich-Kabinett in Dresden bewahrt einen repräsentativen Bestand von Zeichnungen der italienischen Spätgotik und Frührenaissance. Ohne einheitliche Zielsetzung und über einen langen Zeitraum erworben, wiesen Teile der Sammlung noch eine ungeklärte Herkunft auf. Die meisten Zeichnungen gehören zum sogenannten „Alten Bestand“, befanden sich also schon vor 1764 im Dresdener Kupferstich-Kabinett. Manche gelangten wohl über die 1728 von August dem Starken erworbene Sammlung des Leipzigers Gottfried Wagner nach Dresden. Dr. Lorenza Melli, eine der besten Kennerinnen der frühen italienischen Zeichenkunst, hat diesen Bestand von 2003 bis 2005 mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kunsthistorischen Max-Planck-Institut in Florenz erforscht. Die ertragreichen Ergebnisse dieses Forschungsprojekts sind in einem detaillierten Katalog festgehalten, der anlässlich der Ausstellung „Botticelli, Verrocchio e oltre. Disegni italiani del Quattrocento dalle collezioni reali di Dresda“(Botticelli, Verrochio und andere. Italienische Zeichnungen des 15. Jahrhunderts aus den alten königlichen Sammlungen in Dresden) in Florenz im September 2006 veröffentlicht wurde.

Unter den vielen Entdeckungen ragt zweifellos der bisher als anonym geführte „Kopf eines Knaben“ heraus. Lorenza Melli erkennt in dieser delikaten Zeichnung die Hand Sandro Botticellis, dem bisher nur wenige Zeichnungen sicher zugeschrieben werden können. Ebenfalls von großer Bedeutung ist die Zuschreibung eines „Flöte spielenden Knaben“(datiert um 1483-1485) an den ferraresischen Meister Lorenzo Costa, eine Zeichnung, die überhaupt zum ersten Mal untersucht wurde. Von hoher Qualität ist auch ein kleiner, zweiteiliger Karton (um 1480/1490) mit insgesamt zehn knienden Stiftern (die Gesichter sind eindrucksvoll individualisiert), der zuletzt als „lombardisch“ geführt wurde. Dieser kleine Karton wurde für die Übertragung der Darstellung auf Leinwand oder Holz entlang der Umrisse gelöchert. Das Werk wird nun dem Römer Antoniazzo Romano zugeschrieben, einem in Umbrien und den Marken tätigen Künstler. In der italienischen Presse wurden die Zeichnungen euphorisch besprochen. So hieß es beispielsweise in der Tageszeitung Il Giornale „Aus Dresden: der Triumph der Zeichnung“.

Im Rahmen der Ausstellung traf sich Ende Oktober in Florenz eine Gruppe von Zeichnungsexperten - unter ihnen der Direktor des Dresdner Kupferstich-Kabinetts, Prof. Dr. Wolfgang Holler - um anhand der Originale vor einem zahlreich erschienenen Publikum über Fragen der Zuschreibung, ikonographische Besonderheiten und den konservatorischen Erhaltungszustand dieser Werke aus Dresden zu diskutieren. Zu den Teilnehmern des Symposiums gehörten weiterhin: die ehemaligen Direktorinnen der Uffizien Anna Forlani Tempesti und Anna Petrioli Tofani sowie ihre Nachfolgerin Marzia Faietti, eine ausgewiesene Spezialistin im Bereich der bolognesischen Zeichnungen. Weitere Referenten waren u.a. Giulio Bora, Giorgio Marini, Bert Meijer, Letizia Montalbano und Alessandro Cecchi. Als einer der besten Kenner des Werkes Sandro Botticellis, bestätigte Cecchi Lorenza Mellis Neuzuschreibung an diesen Künstler.

Für 2008 ist geplant, diese außergewöhnliche Ausstellung auch in den Räumen des Kupferstich-Kabinetts in Dresden zu zeigen. Bis zu diesem Zeitpunkt soll der exzellente, grundlegende Bestandskatalog, bei dem renommierten Verlag Centro Di in Florenz verlegt, in deutscher Übersetzung vorliegen.

Ausstellung:
„Botticelli, Verrocchio e oltre. Disegni italiani del Quattrocento dalle collezioni reali di Dresda“, Istituto universitario olandese di storia dell’arte, Viale Torricelli 5, 50125 Florenz, 15. September bis 5. November 2006.

Katalog:
„I disegni italiani del Quattrocento nel Kupferstich-Kabinett di Dresda“ (italienische Ausgabe), von Lorenza Melli, 272 Seiten, 250 Abbildungen in Farbe und Schwarzweiß, 28,5 x 21,5 cm, Preis: 80,-Euro, ISBN 88-7038-441-1

Tagung:
„Botticelli, Verrocchio e oltre. Disegni italiani del ‘400 dalle collezioni reali di Dresda”, 26. Oktober 2006, Istituto unversitario olandese di storia del’arte, Firenze

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